Mechanismus-Dossier
Wirtschaftlicher und kultureller Raub sowie Zwangsarbeit
Wie Beschlagnahmestellen, Kunsthändler, Banken, SS-Unternehmen und Umsiedlungstreuhänder Verfolgung in Raub und Zwangsarbeit verwandelten.
Raub war kein einzelner Akt der Wegnahme. Er durchlief Identifizierung, rechtliche oder administrative Beschlagnahme, Inventarisierung, Bewertung, Lagerung, Transport und endgültige Zuweisung oder Verkauf. Der ERR, die Dienststelle Westen und die Möbel-Aktion wandten diese Stufen auf jüdische Kunstsammlungen und Wohnungseinrichtungen an; das Sonderkommando Künsberg suchte und entfernte zudem Archive, Bibliotheken, Kulturgüter und Wirtschaftsdokumentation im besetzten Europa.
Robert Scholz, Kurt von Behr und Walter Andreas Hofer beleuchten unterschiedliche Teile der Kulturgutkette: fachliche Auswahl, Mobiliarbeschlagnahme und Vermittlung für Görings Sammlung. Eberhard von Künsbergs schriftliche Weisungen machen dagegen sichtbar, wie Kategorien von Archiven und Kunstschätzen zu Zielen einer mobilen Raubeinheit wurden. Die Profile wahren objektbezogene Provenienzprobleme und behandeln weder jede ERR-Beschlagnahme noch jedes Objekt des Sonderkommandos als Tat einer einzigen Person.
Banken, WVHA und Industriekonzerne verbanden Finanzierung mit Gefangenen- und Zwangsarbeit. Karl Rasche unterstützte Kredite für SS-Unternehmen, Georg Lörner beaufsichtigte Versorgung und Unternehmen mit Gefangenenarbeit, und Paul Pleiger bemühte sich um Arbeitskräftezuweisungen. Heinrich Bütefisch verband als IG-Farben-Vorstand die Investition in Auschwitz-Monowitz, Verhandlungen mit der SS und Bergbauvorhaben mit dem Einsatz von Häftlingen. Die Urteile trennten Verurteilungen wegen Sklavenarbeit von Anklagepunkten, die mit Freispruch endeten.
Die Umsiedlungspolitik verband Vertreibung mit Arbeitskräftekontrolle und Vermögensverwaltung. Herbert Hübners unterzeichnete Anweisung band vertriebene Polen als Arbeitskräfte, während Wilhelm Keppler an der Organisation der Deutschen Umsiedlungs-Treuhand als Unternehmensmechanismus für das Vermögen der Vertriebenen mitwirkte. Die gemeinsame Lektüre dieser Akten zeigt wirtschaftliche Handlungsmacht, ohne jede Transaktion des RKFDV, der SS, einer Bank oder eines Industriekonzerns ihrem ranghöchsten Funktionär zuzuschreiben.
Die Kette
- 1Rassen-, Besatzungs- oder Umsiedlungspolitik
- 2Identifizierung von Menschen, Wohnungen, Unternehmen oder Kunstwerken
- 3administrative Beschlagnahme, Treuhandkonstruktion oder erzwungenes Geschäft
- 4Katalogisierung, Bewertung, Bankkredit oder industrielle Zuweisung
- 5Zwangsarbeit, Sortierung, Lagerung, Bahntransport oder Markttausch
- 6Übertragung von Eigentum oder Gewinn mit anschließender Restitutionsforschung oder Strafverfolgung
Profile in diesem Mechanismus
Kreis IV
Alfred Rosenberg
führender Ideologe der NSDAP und Reichsminister für die besetzten Ostgebiete
in Nürnberg verurteilt und 1946 hingerichtetKreis II
Hermann Göring
Reichsmarschall, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Beauftragter für den Vierjahresplan
in Nürnberg zum Tode verurteilt; 1946 in Haft durch Suizid gestorbenKreis III
Oswald Pohl
Chef des WVHA und zentraler Verwalter der SS-Betriebe und Konzentrationslager
im Pohl-Prozess verurteilt und 1951 hingerichtetKreis VI
Walther Funk
Reichswirtschaftsminister und Präsident der Reichsbank
zu lebenslanger Haft verurteilt; 1957 entlassen und 1960 gestorbenKreis VI
Friedrich Flick
Eigentümer und maßgeblicher Leiter des Flick-Konzerns, eines der wichtigsten Schwerindustrie- und Rüstungskomplexe des Reiches
zu 7 Jahren verurteilt; 1950 vorzeitig entlassenKreis IV
Fritz Sauckel
Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz und Gauleiter von Thüringen
in Nürnberg verurteilt und 1946 hingerichtetKreis IV
Ulrich Greifelt
Stabschef des RKFDV und Verwalter von Vertreibungen und Germanisierung
im RuSHA-Prozess verurteilt und 1949 im Gefängnis gestorbenKreis V
Robert Scholz
Leiter des Sonderstabs Bildende Kunst im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg und Organisator der Auswahl und des Tauschs geraubter Kunstwerke
in Frankreich in Abwesenheit zu zehn Jahren verurteilt; Strafe nicht verbüßtKreis VI
Karl Rasche
Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, verantwortlich für die Expansion der Bank, die Finanzierung von SS-Unternehmen und die Übernahme von Vermögenswerten im besetzten Europa
zu sieben Jahren verurteilt; 1950 entlassenKreis V
Kurt von Behr
Leiter der westeuropäischen Strukturen des ERR, anschließend der Dienststelle Westen und der Möbel-Aktion
nicht vor Gericht gestellt; Suizid im April 1945Kreis VI
Paul Pleiger
Vorstandsvorsitzender der Reichswerke Hermann Göring und Leiter der Kohlenwirtschaft, der Zuteilungen von Zwangsarbeitskräften und Gemeinschaftsprojekte mit der SS nutzte
zu 15 Jahren verurteilt; auf zehn Jahre herabgesetzt; 1951 entlassenKreis V
Herbert Hübner
Leiter der Arbeits- und Umsiedlungsstäbe in der Posener Dienststelle des RKFDV, beteiligt an der Vertreibung von Polen und ihrer zwangsweisen Festhaltung als Arbeitskräfte
zu 15 Jahren verurteilt; auf zehn Jahre herabgesetzt; 1951 entlassenKreis III
Georg Lörner
stellvertretender Chef des WVHA und Leiter der Amtsgruppe B, verantwortlich für die Versorgung des Lagerapparats und die Aufsicht über Unternehmen, die Häftlinge einsetzten
Todesurteil schließlich auf 15 Jahre herabgesetzt; 1954 entlassenKreis IV
Wilhelm Keppler
Staatssekretär und Wirtschaftsfunktionär, beteiligt an der Gründung der Deutschen Umsiedlungs-Treuhand und an der Organisation der Übernahme des Vermögens Vertriebener
zu zehn Jahren verurteilt; 1951 entlassenKreis VI
Walter Andreas Hofer
wichtigster Kunstberater und Kunstagent Hermann Görings, der Erwerb, Beschlagnahme und Tausch geraubter Kunstwerke organisierte
in Frankreich in Abwesenheit zu zehn Jahren verurteilt; Strafe nicht verbüßtKreis VI
Heinrich Bütefisch
Vorstandsmitglied der IG Farben, zuständig für die Werke Auschwitz-Monowitz und Bergbauvorhaben, bei denen Häftlinge eingesetzt wurden
wegen Sklavenarbeit zu sechs Jahren Haft verurteilt; 1951 entlassenKreis V
Eberhard von Künsberg
Diplomat und Befehlshaber des Sonderkommandos Künsberg, das die überregionale Beschlagnahme von Archiven, Bibliotheken, Kunstwerken und Wirtschaftsdokumentation organisierte
nicht vor Gericht gestellt; seit April 1945 vermisst; Todesdatum unbekanntEinstiegsquellen
Jedes verlinkte Profil nennt seine eigene Quellengrundlage und deren Grenzen. Diese Quellen führen in den Mechanismus als Ganzes ein.