Mechanismus-Dossier
Warschau: Polizeiterror, Haft und Aufstandsgewalt
Wie Polizei- und Gefängnisapparate, Geiselrepressalien und 1944 eingesetzte Verbände Terror, Hinrichtungen, Vertreibung und Zerstörung verbanden.
Der deutsche Terror in Warschau bestand nicht aus einer einzigen, unveränderten Befehlskette. Josef Meisingers Stellung im Apparat der Sicherheitspolizei verbindet die frühe Besatzungsphase mit der AB-Aktion und den Exekutionen in Palmiry. Max Daumes Funktion in der Ordnungspolizei steht gesondert für Geiselmaßnahmen, Kollektivhaftung und das Verbrechen von Wawer. Ludwig Hahn und Walter Stamm verweisen auf den späteren, dauerhaften Sipo/SD-, Gefängnis- und Exekutionsapparat, einschließlich des Gefängnisses Pawiak.
Während des Warschauer Aufstands 1944 wirkten wiederum unterschiedliche Strukturen nebeneinander. Alfred Spilker kommandierte das spätere Sonderkommando; seine vor dem Aufstand tätige Nachrichtendienststelle wird davon getrennt, weil die kanonischen Quellen keine automatische Übertragung von Handlungen erlauben. Paul Otto Geibel leitete den ständigen SS- und Polizeiapparat des Distrikts, Heinz Reinefarth eine Kampfgruppe und Bronislav Kaminski den in die deutsche Befehlskette eingegliederten RONA-Kollaborationsverband. Ihre Funktionen dürfen weder miteinander gleichgesetzt noch als Beleg dafür behandelt werden, dass jeder Kommandeur jede Tat einer Untereinheit persönlich ausführte.
Die folgende Abfolge ist ein analytisches Modell, keine Behauptung, jede der acht Personen sei an jedem Schritt beteiligt gewesen. Sie trennt frühe Polizeirepressalien, den institutionellen Haft- und Exekutionsapparat, den Einsatz während des Aufstands sowie die sehr unterschiedlichen Ergebnisse der Strafverfolgung nach 1945.
Die Kette
- 1Besatzungsherrschaft, Polizeibefehl und frühe Kollektivhaftung
- 2AB-Aktion, Verhaftung und Auswahl zur Exekution
- 3Gefängnis Pawiak, Vernehmung und Erschießung von Gefangenen
- 4Aufstellung und Einsatz von Polizei-, Kampf- und Kollaborationsverbänden im Jahr 1944
- 5Selektion, Tötung, Vertreibung, Plünderung und Zerstörung in jeweils belegten Zuständigkeitsbereichen
- 6Auslieferung, Prozess, unvollständige Verurteilung oder Ausbleiben eines Verfahrens nach 1945
Profile in diesem Mechanismus
Kreis V
Josef Meisinger
Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD im Distrikt Warschau
zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtetKreis V
Ludwig Hahn
Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD zunächst im Distrikt Krakau, anschließend im Distrikt Warschau
in der Bundesrepublik in getrennten Verfahren verurteilt; keine vollständige juristische AufarbeitungKreis VI
Max Daume
Offizier der Ordnungspolizei in Warschau mit Verantwortung für Repressalien und Geiselerschießungen
zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtetKreis V
Walter Stamm
Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD in Warschau sowie Vorgesetzter des Gefängnis- und Exekutionsapparats
für seine Tätigkeit in Warschau nicht rechtskräftig verurteiltKreis VI
Alfred Spilker
Kommandeur des Sonderkommandos Spilker in Warschau
1945 gestorben; nicht vor Gericht gestelltKreis V
Paul Otto Geibel
SS- und Polizeiführer im Distrikt Warschau
in Polen zu lebenslanger Haft verurteilt; 1966 in Haft gestorbenKreis V
Heinz Reinefarth
Kommandeur einer Kampfgruppe bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands
nicht an Polen ausgeliefert und nicht verurteiltKreis V
Bronislav Kaminski
Kommandeur der bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands eingesetzten RONA-Brigade
im August 1944 von deutscher Seite getötet; Umstände nicht abschließend geklärtEinstiegsquellen
Jedes verlinkte Profil nennt seine eigene Quellengrundlage und deren Grenzen. Diese Quellen führen in den Mechanismus als Ganzes ein.