Mechanismus-Dossier
Ghettos, Deportation und Zwangsarbeit
Wie regionale SS- und Polizeikommandos, Judenreferate und Lagerleitungen Selektion, Deportation, Zwangsarbeit und Tötung verbanden.
In den besetzten polnischen Gebieten verlief die Verfolgung durch miteinander verbundene, aber unterscheidbare regionale Stellen. SS- und Polizeiführer, Kommandeure der Sicherheitspolizei und des SD, Judenreferate und Umsiedlungsbehörden übersetzten zentrale Ziele in Bekanntmachungen, Listen, Polizeibefehle, Sammelpunkte und Transporte. Zwangsarbeitslager fügten dieser Kette die Ausbeutung der Arbeitskraft, alltäglichen Terror und schließlich Auflösung oder Deportation hinzu.
Warschau zeigt die Abstufung besonders deutlich. Ferdinand von Sammern-Frankenegg leitete als SSPF die Großaktion und erließ Regeln des Terrors außerhalb des Ghettos; Josef Blösche beteiligte sich als operativ eingesetzter Sipo-Angehöriger an Deportationen, Patrouillengewalt und Hinrichtungen; Karl Heinrich Klaustermeyer verübte als Mitarbeiter des Judenreferats einzelne, später gerichtlich untersuchte Morde. Befehlsgewalt, Teilnahme an einer Aktion und eigenhändige Tat bleiben getrennte Kategorien.
Rolf-Heinz Höppners Umwandererzentralstelle in Poznań verband Bevölkerungserfassung und nationale Selektion mit Vertreibung und Beschlagnahme, während Erich Engels’ Judenreferat beim KdS Lemberg Aktionen in der Stadt und in kleineren Ghettos leitete. Diese Profile machen regionale Planung und Fachzuständigkeit sichtbar, ohne den jeweiligen Funktionären die gesamte Besatzungspolitik des Warthelands oder jede Deportation im Distrikt Galizien zuzuschreiben.
Josef Schwammberger, Franz Josef Müller und Hermann Blache stehen für lokale Kommandanturen von Julags und Zwangsarbeitslagern in Rozwadów, Przemyśl, Kraków und Tarnów. Die Urteile individualisierten eigene Tötungen, Tötungsbefehle und Beihilfe bei Deportationen, setzten dem beweisbaren Umfang aber auch Grenzen. Das Dossier folgt deshalb dem Weg von regionaler Entscheidung und Lagerverwaltung bis zum konkret festgestellten Tatkomplex und seiner Nachkriegsbewertung.
Die Kette
- 1zentrale SS-, Bevölkerungs- und Vernichtungspolitik
- 2regionales Kommando des SSPF, KdS oder der Umwandererzentralstelle
- 3Judenreferat, Polizeibefehl, Namensliste oder Lagerkommandantur
- 4Razzia, Selektion, Vertreibung, Zwangsarbeit oder Deportation
- 5Hinrichtung, Mord im Lager, Auflösung des Ghettos oder Beschlagnahme
- 6Bericht, Ermittlung, Auslieferung, Prozess und genau begrenzter Urteilsspruch
Profile in diesem Mechanismus
Kreis IV
Ferdinand von Sammern-Frankenegg
SS- und Polizeiführer im Distrikt Warschau; Leiter der Deportationen während der Großaktion und des ersten Angriffs auf das Ghetto am 19. April 1943
nicht vor Gericht gestellt; am 20. September 1944 im Kampf gegen jugoslawische Partisanen gefallenKreis VII
Josef Blösche
operativ eingesetzter Sipo-Angehöriger in Warschau, beteiligt an Deportationen und Hinrichtungen im Warschauer Ghetto
in der DDR zum Tode verurteilt und am 29. Juli 1969 hingerichtetKreis IV
Rolf-Heinz Höppner
faktischer Leiter der Umwandererzentralstelle in Posen und Leiter des SD-Abschnitts im Wartheland
1949 zu lebenslanger Haft verurteilt; Anfang 1957 infolge einer Amnestie entlassenKreis V
Erich Engels
Leiter des Judenreferats der Gestapo beim KdS Lemberg
am 13. März 1950 in Polen zum Tode verurteilt; 1951 hingerichtetKreis VII
Karl Heinrich Klaustermeyer
Angehöriger des Judenreferats beim KdS Warschau, der im Ghetto Kontrollen durchführte und Menschen tötete
wegen neun Morden zu lebenslanger Haft verurteilt; im April 1976 wegen einer unheilbaren Krankheit entlassenKreis VII
Josef Schwammberger
Kommandant der Zwangsarbeitslager für Juden in Rozwadów und Przemyśl, auch mit dem Lager in Mielec verbunden
1992 zu lebenslanger Haft verurteilt; im Dezember 2004 in Haft gestorbenKreis VII
Franz Josef Müller
Leiter der Krakauer Julags und Kommandant des Julag I Płaszów
1961 zu lebenslanger Haft verurteilt; 1970 bedingt entlassenKreis VII
Hermann Blache
Kommandant des Zwangsarbeitslagers für Juden im Ghetto Tarnów
rechtskräftig wegen 22 Morden zu lebenslanger Haft und wegen Beihilfe zum Mord an 4.000 Menschen zu weiteren sechs Jahren verurteiltEinstiegsquellen
Jedes verlinkte Profil nennt seine eigene Quellengrundlage und deren Grenzen. Diese Quellen führen in den Mechanismus als Ganzes ein.