Mechanismus-Dossier
Ordnungspolizeibataillone und Massenerschießungen
Wie die Ordnungspolizei Befehle in Absperrungen, Deportationen, Massenerschießungen und Meldungen umsetzte – mit getrennten Verantwortungsebenen.
Die Bataillone der Ordnungspolizei bildeten keine von ihrer Befehlskette losgelösten Gruppen einzelner Schützen. Höhere SS- und Polizeiführer erteilten oder vermittelten Direktiven; Regiments- und Bataillonskommandeure bestimmten Einsatzrahmen und Logistik; Kompaniechefs teilten Absperrungen, Transporte und Erschießungsgruppen ein. Meldungen hielten Ergebnisse fest und konnten zugleich die Gewalt durch bürokratische Sprache verschleiern.
Beim Reserve-Polizei-Bataillon 101 standen Wilhelm Trapp sowie Julius Wohlauf, Hartwig Gnade und Wolfgang Hoffmann auf verschiedenen Führungsstufen. Ihre dokumentierten Besprechungen, Aufträge und Reaktionen auf Verweigerungsversuche zeigen konkrete Handlungsmacht. Daraus folgt weder, dass jeder von ihnen jeden Schuss persönlich abgab, noch dass die Taten sämtlicher Angehöriger ohne Einzelprüfung auf einen einzigen Kommandeur übertragen werden dürfen.
Die Profile von Ernst Weis, Max Montua und Gerhard Riebel erschließen andere Teile derselben institutionellen Logik. Weis vermittelte eine erweiternde, vernichtungsorientierte Auslegung von Befehlen; Montua setzte eine Direktive eines Vorgesetzten in detaillierte Vollzugs-, Melde- und Geheimhaltungsanweisungen um; Riebels eigene Meldungen dokumentierten Tötungen seiner Kompanie. Befehl, Unterzeichnung einer Meldung und persönliche Schussabgabe bleiben voneinander getrennte Feststellungen.
Auch die Nachkriegsergebnisse waren unterschiedlich: Wohlauf und Hoffmann wurden verurteilt, Gnade wurde nicht vor Gericht gestellt und sein weiteres Schicksal ist ungeklärt, Weis starb vor einer Anklage und Riebel wurde rechtskräftig freigesprochen. Das Dossier stellt Prozessurteile neben zeitgenössische Befehle und Meldungen, ohne einen Freispruch zu verschweigen oder ihn als Beweis dafür zu behandeln, die dokumentierten kollektiven Ereignisse hätten nicht stattgefunden.
Die Kette
- 1Direktive der SS- und Polizeiführung und ideologische Auslegung
- 2Planung durch Regiment und Bataillon
- 3Aufträge der Kompanien für Absperrung, Transport und Bewachung
- 4Massenerschießung, Deportation und dienstliche Meldung
- 5Ermittlung, Prozess, Freispruch, Verurteilung oder fehlende gerichtliche Prüfung
Profile in diesem Mechanismus
Kreis VII
Wilhelm Trapp
Kommandeur des Reserve-Polizei-Bataillons 101 bei Erschießungen und Deportationen im Distrikt Lublin
von einem polnischen Gericht verurteilt und 1948 in Siedlce hingerichtetKreis VII
Julius Wohlauf
Kompaniechef der 1. Kompanie und stellvertretender Kommandeur des Reserve-Polizei-Bataillons 101
in der Bundesrepublik zu 8 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; 2002 gestorbenKreis VII
Hartwig Gnade
Kompaniechef der 2. Kompanie des Reserve-Polizei-Bataillons 101
weiteres Schicksal ungeklärt; nicht vor Gericht gestelltKreis VII
Wolfgang Hoffmann
Kompaniechef der 3. Kompanie des Reserve-Polizei-Bataillons 101
nach erneuter Verhandlung in der Bundesrepublik rechtskräftig zu 4 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; 1989 gestorbenKreis VII
Ernst Weis
Kommandeur des Polizei-Bataillons 309 beim Angriff auf die Sowjetunion und während des Massakers in Białystok
Gegenstand von Ermittlungen in der Bundesrepublik; 1964 vor Erhebung der Anklage gestorbenKreis V
Max Montua
Kommandeur der Ordnungspolizei in Warschau, anschließend Kommandeur des Polizei-Regiments Mitte
im April 1945 durch Suizid gestorben; nicht vor Gericht gestelltKreis VII
Gerhard Riebel
Kompaniechef der 3. Kompanie des Polizei-Bataillons 322, anschließend der 9. Kompanie des Polizei-Regiments Mitte
1963–1964 in der Bundesrepublik rechtskräftig freigesprochen; Todesdatum ungeklärtEinstiegsquellen
Jedes verlinkte Profil nennt seine eigene Quellengrundlage und deren Grenzen. Diese Quellen führen in den Mechanismus als Ganzes ein.