Mechanismus-Dossier
Besatzungsverwaltung und Vergeltung in Europa
Wie Polizei- und Militärführungen in Europa Verordnungen, Listen und Befehle in Deportationen, Entwaffnung, Massaker und Ortszerstörung umsetzten.
Der deutsche Besatzungsapparat in Europa besaß keine einheitliche Form. Militärverwaltungen erließen Verordnungen über Geiseln und Arbeitspflicht, Höhere SS- und Polizeiführer koordinierten regionale Polizeimaßnahmen, Gestapo- und Sipo-Dienststellen organisierten Festnahmen und Deportationen, und mobile militärische Einheiten führten Vergeltungsoperationen aus. Das Dossier trennt diese Befugnisse, rekonstruiert aber ihre Verbindungen.
Klaus Barbie, Günther Pancke und Herbert Kappler zeigen drei polizeiliche Mechanismen. In Lyon verband eine Gestapo-Abteilung Vernehmung und Folter mit der Festnahme und Deportation von Kindern; in Dänemark wurde die nationale Polizei durch einen vorbereiteten Plan entwaffnet und deportiert; in Rom trafen die Verfolgung der jüdischen Gemeinde und die Zusammenstellung einer Liste für die Vergeltung in den Fosse Ardeatine zusammen. Planung, Genehmigung und Ausführung blieben jeweils auf mehrere Akteure verteilt.
Friedrich Christiansen und Alexander von Falkenhausen stehen für militärische Besatzungsherrschaft in Westeuropa: den Vergeltungsbefehl gegen Putten sowie Verordnungen über Geiseln und Zwangsarbeit in Belgien und Nordfrankreich. Friedrich-Wilhelm Müller und Walter Reder zeigen die nächste Stufe auf Kreta und in Italien, wo schriftliche Repressalienbefehle und Operationen einer Waffen-SS-Abteilung in die Zerstörung von Orten und Massaker an Zivilisten mündeten.
Herbert Andorfer und Willi Seibert erweitern die Kette um Lagerlogistik und Führungsberichterstattung. Andorfers Kommandantur verband den Gaswagen von Sajmište mit der Route zum Begräbnisort Jajinci; Seibert verdichtete Hinrichtungen der Einsatzgruppe D zu Berichten für das RSHA und zur Verbindung mit der 11. Armee. Nachkriegsurteile, Strafminderungen, Begnadigungen und Fluchtwege werden einzeln ausgewiesen, statt einen gemeinsamen Ausgang für unterschiedliche Rechtsräume vorzutäuschen.
Die Kette
- 1politisches Besatzungsziel oder Doktrin der Vergeltung und Partisanenbekämpfung
- 2regionale Militär-, SS- oder Polizeiführung beziehungsweise Führung von Sipo und SD
- 3Verordnung, Namensliste, Operationsplan, Tötungsbefehl oder Lagebericht
- 4Festnahme, Entwaffnung, Geiselselektion, Deportation oder Einsatz einer mobilen Einheit
- 5Folter, Massenhinrichtung, Gaswagen, Brandstiftung oder Zerstörung eines Ortes
- 6Meldung und Beweissicherung sowie Prozess, Begnadigung, Freilassung oder Flucht
Profile in diesem Mechanismus
Kreis V
Klaus Barbie
Leiter einer Gestapo-Abteilung in Lyon, verantwortlich für Repression, Vernehmungen und Deportationen
1987 zu lebenslanger Haft verurteilt; 1991 in Haft gestorbenKreis VI
Friedrich Christiansen
Wehrmachtbefehlshaber in den besetzten Niederlanden
1948 zu zwölf Jahren Haft verurteilt; nach Erlass der Reststrafe entlassenKreis IV
Alexander von Falkenhausen
Militärbefehlshaber im besetzten Belgien und in Nordfrankreich
1951 in Belgien zu zwölf Jahren Zwangsarbeit verurteilt; nach Anrechnung der vorausgegangenen Freiheitsentziehung entlassenKreis IV
Günther Pancke
Höherer SS- und Polizeiführer im besetzten Dänemark
1948 in Dänemark zu zwanzig Jahren Haft verurteilt; 1953 begnadigt und ausgewiesenKreis V
Herbert Kappler
Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD im besetzten Rom
zu lebenslanger Haft verurteilt; 1977 in die Bundesrepublik geflohen und 1978 gestorbenKreis V
Walter Reder
Kommandeur der Aufklärungsabteilung der 16. SS-Panzergrenadier-Division ‚Reichsführer-SS‘
1951 zu lebenslanger Haft verurteilt; 1985 bedingt entlassenKreis VI
Friedrich-Wilhelm Müller
Kommandeur der 22. Infanterie-Division und Kommandant der Festung Kreta
in Griechenland zum Tode verurteilt; am 20. Mai 1947 erschossenKreis V
Herbert Andorfer
Kommandant des Lagers Sajmište und Befehlshaber des Sonderkommandos Andorfer in Italien
1969 zu zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt; nach Anrechnung der Untersuchungshaft entlassenKreis V
Willi Seibert
faktischer Stellvertreter des Befehlshabers der Einsatzgruppe D und Verbindungsoffizier zwischen Führung und Berichterstattung über Hinrichtungen
1948 zum Tode verurteilt; Strafe in 15 Jahre umgewandelt, 1954 entlassenEinstiegsquellen
Jedes verlinkte Profil nennt seine eigene Quellengrundlage und deren Grenzen. Diese Quellen führen in den Mechanismus als Ganzes ein.