Deutschsprachige quellengebundene Ausgabe

Paul Nitsche

wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt; 1948 hingerichtet 1876–1948

Paul Nitsche war Psychiater, Obergutachter und ab Ende 1941 Leiter der medizinischen Abteilung der Aktion T4. Das Profil rekonstruiert Funktion und Handlungsspielraum im dokumentierten Tätigkeitsgebiet (Deutschland / Deutsches Reich) anhand des Amtes, von Entscheidungen, Aufsicht oder operativem Handeln. Es schreibt nicht sämtliche Verbrechen einer Institution oder Region einer einzelnen Person zu.

Aktion T4Ermordung von Patientinnen und PatientenNS-Medizin

Gesicherte Befunde

  • Anfang 1940 führte er aus eigener Initiative in der Anstalt Leipzig-Dösen einen Versuch zur Tötung von Patienten mit Luminal durch, der zu einem Bezugspunkt für die spätere dezentrale Tötung mit Medikamenten wurde.
  • Ab Mai 1940 war er stellvertretender medizinischer Leiter von T4, ab Dezember 1941 leitete er die medizinische Abteilung; als Obergutachter bewertete er Meldebögen und entschied mit über die Auswahl von Patienten zur Tötung.
  • Nach dem formellen Stopp der zentralen Gastransporte setzte er sich für die Fortführung der massenhaften Tötung von Patienten durch Medikamente und Hunger ein und wirkte an der weiteren Organisation dieses Mechanismus mit.
  • Das Landgericht Dresden verurteilte ihn am 7. Juli 1947 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode; das Urteil wurde am 25. März 1948 vollstreckt.

Stellung in der Verantwortungskette

Nitsche zeigt den Übergang von seiner eigenen Praxis der medikamentösen Tötung in einer Anstalt zur zentralen Leitung der medizinischen Selektion bei T4. Seine Verantwortung stützt sich auf den von ihm initiierten Versuch, seine Gutachten und Leitungsentscheidungen, nicht allein auf seine Amtsbezeichnung.

Zentrale Ereignisse und Mechanismen

  • Initiierung der Tötungsversuche mit Luminal in Leipzig-Dösen Anfang 1940
  • Übernahme des Amtes des stellvertretenden medizinischen Leiters von T4 im Mai 1940
  • Übernahme der medizinischen Leitung von T4 Ende 1941
  • Todesurteil im Dresdner Ärzteprozess am 7. Juli 1947 und Hinrichtung am 25. März 1948
Keine Rangliste nach Opferzahlen

Der Kreis beschreibt Macht, Funktion und Handlungsmacht. Mehrere Profile können verschiedene Teile derselben Verfolgungskette erfassen; Opferzahlen auf Profilebene dürfen daher nicht addiert werden.

Aufarbeitung nach 1945

Nach dem Krieg wurde er festgenommen und gemeinsam mit weiteren Angehörigen des medizinischen Personals im Dresdner Prozess zu den Krankenmorden angeklagt. Am 7. Juli 1947 wurde er zum Tode verurteilt; das Urteil wurde am 25. März 1948 vollstreckt.

Grenzen der Quellenlage

Nitsche darf weder jeder Todesfall der weit gefassten Geschichte der Aktion T4 noch jede Tötung in der späteren dezentralen Phase zugerechnet werden. Am besten dokumentiert sind sein eigener Luminal-Versuch, seine Rolle als Gutachter, die medizinische Leitung und sein Eintreten für die Fortsetzung der Tötungen; die Zahlen des gesamten Programms sind die Bilanz eines Systems, nicht die persönliche Bilanz eines einzelnen Täters.

Quellen

Die Quellengrundlage verbindet institutionelles, archivalisches, prozessbezogenes oder wissenschaftliches Material von mindestens zwei unabhängigen Herausgebern.