Deutschsprachige quellengebundene Ausgabe
Hinrich Lohse
Hinrich Lohse war Reichskommissar für das Ostland und Leiter seiner zivilen Besatzungsverwaltung. Das Profil rekonstruiert Funktion und Handlungsspielraum im dokumentierten Tätigkeitsgebiet (Litauen, Lettland, Estland und besetztes Belarus) anhand des Amtes, von Entscheidungen, Aufsicht oder operativem Handeln. Es schreibt nicht sämtliche Verbrechen einer Institution oder Region einer einzelnen Person zu.
Gesicherte Befunde
- Hitler ernannte Lohse im Juli 1941 zum Reichskommissar für das Ostland und damit zur höchsten zivilen Autorität über die baltischen Gebiete und einen Teil von Belarus.
- Seine Verwaltung erließ Vorschriften zur Registrierung, Kennzeichnung, Eigentumsbeschlagnahme, Zwangsarbeit und Ghettoisierung von Jüdinnen und Juden.
- Ein deutsches Gericht verurteilte ihn 1948 zu zehn Jahren Haft; im März 1951 wurde er aus gesundheitlichen Gründen entlassen.
Stellung in der Verantwortungskette
Lohses Zivilapparat lieferte rechtliche, wirtschaftliche und administrative Infrastruktur für Verfolgung und Massenmord neben Strukturen von SS, Polizei und Wehrmacht. Wegen dieser Zuständigkeitsüberschneidungen können die Verbrechen aller Sicherheitseinheiten im Ostland nicht automatisch dem Zivilkommissar zugerechnet werden.
Zentrale Ereignisse und Mechanismen
- die Einrichtung von Ghettos und Beschlagnahmeregimen im Ostland ab 1941
- die Vernichtung jüdischer Gemeinden an Orten wie Ponary, Rumbula, dem Neunten Fort und Maly Trostenez
Der Kreis beschreibt Macht, Funktion und Handlungsmacht. Mehrere Profile können verschiedene Teile derselben Verfolgungskette erfassen; Opferzahlen auf Profilebene dürfen daher nicht addiert werden.
Aufarbeitung nach 1945
Lohse wurde in Bielefeld vor Gericht gestellt und zu zehn Jahren Haft sowie zur Einziehung seines Vermögens verurteilt. 1951 entlassen, wurde er später in der Entnazifizierung als Minderbelasteter eingestuft und starb 1964 in Freiheit.
Grenzen der Quellenlage
Lohse wandte sich gelegentlich gegen die sofortige Tötung jüdischer Zwangsarbeiter aus wirtschaftlichen, nicht aus humanitären Gründen. Das Profil unterscheidet solche Streitigkeiten über Zeitpunkt und Ausbeutung von einer Opposition gegen die Vernichtungspolitik und trennt die Verantwortung der Zivilverwaltung von SS- und Polizeioperationen.
Quellen
Die Quellengrundlage verbindet institutionelles, archivalisches, prozessbezogenes oder wissenschaftliches Material von mindestens zwei unabhängigen Herausgebern.