Deutschsprachige quellengebundene Ausgabe
Hermann Reinecke
Hermann Reinecke war Chef des Allgemeinen Wehrmachtamts im OKW, verantwortlich für zentrale Richtlinien zu Kriegsgefangenen. Das Profil rekonstruiert Funktion und Handlungsspielraum im dokumentierten Tätigkeitsgebiet (Deutsches Reich · Generalgouvernement · besetztes Europa) anhand des Amtes, von Entscheidungen, Aufsicht oder operativem Handeln. Es schreibt nicht sämtliche Verbrechen einer Institution oder Region einer einzelnen Person zu.
Gesicherte Befunde
- Von 1939 bis 1945 leitete er das Allgemeine Wehrmachtamt; der unterstellte Kriegsgefangenenapparat erließ verbindliche Richtlinien für Lager im Reich, im Generalgouvernement und in weiteren dem OKW unterstehenden Gebieten.
- Im Juni 1942 unterzeichnete er einen Erlass, der die ‚Eliminierung‘ von Kommissaren und Politoffizieren im Generalgouvernement vorsah; das Tribunal stellte seine bewusste Beteiligung an der Durchführung des Kommissarbefehls gegenüber Kriegsgefangenen fest.
- Das Urteil stellte fest, dass Reinecke Keitels Weisungen nicht bloß abschrieb: Er entwarf Texte, unterzeichnete Richtlinien und kontrollierte Lager persönlich oder durch Untergebene, obwohl er von Tötungen, schlechten Bedingungen und Misshandlungen wusste.
- Er war aktiv an Vorbereitung und Durchführung des Selektionsprogramms für Kriegsgefangene beteiligt, die an Gestapo, Sipo und SD übergeben wurden; von ihm unterzeichnete Dokumente belegten zudem seine Kenntnis vom Schicksal der Ausgesonderten.
- Im Oktober 1954 wurde er vorzeitig aus dem Gefängnis Landsberg entlassen; er starb 1973.
Stellung in der Verantwortungskette
Reinecke erklärt den zentralen Mechanismus, in dem Verwaltungsformulare, Inspektionen, Lagerordnungen und Selektion das OKW mit Gestapo und SD verbanden. Das Profil reduziert seine Verantwortung nicht auf die Unterstellung unter Keitel, sondern stützt sie auf seinen eigenen Anteil an Entwurf, Unterzeichnung und Überwachung der Richtlinien.
Zentrale Ereignisse und Mechanismen
- Übernahme der Leitung des Allgemeinen Wehrmachtamts im Jahr 1939
- Erlass repressiver Richtlinien für Kriegsgefangenenlager in den Jahren 1941–1944
- Unterzeichnung des Erlasses über Kommissare und Politoffiziere im Juni 1942
- Verurteilung zu lebenslanger Haft im Oktober 1948
- vorzeitige Haftentlassung im Oktober 1954
Der Kreis beschreibt Macht, Funktion und Handlungsmacht. Mehrere Profile können verschiedene Teile derselben Verfolgungskette erfassen; Opferzahlen auf Profilebene dürfen daher nicht addiert werden.
Aufarbeitung nach 1945
Im Prozess gegen das Oberkommando der Wehrmacht wurde er wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Oktober 1954 wurde er vorzeitig aus dem Gefängnis Landsberg entlassen; er starb 1973.
Grenzen der Quellenlage
Das Tribunal stellte weder seine Verbindung zur Durchführung des Kommandobefehls noch eine Verantwortung für den zwangsweisen Arbeitseinsatz von Zivilpersonen fest. Es schrieb ihm auch keine Beteiligung am gesamten Verfolgungs- und Hinrichtungsprogramm der Einsatzgruppen gegen Juden zu. Das Profil beschränkt sich auf die Feststellungen zum Kriegsgefangenensystem, zu Selektionen, Richtlinien und zum Kommissarbefehl.
Quellen
Die Quellengrundlage verbindet institutionelles, archivalisches, prozessbezogenes oder wissenschaftliches Material von mindestens zwei unabhängigen Herausgebern.